Der Salone Auto Torino zeigte, warum Turin die Stadt des Autodesigns ist
Es waren für streetwheelz1 drei äusserst abwechslungsreiche Tage am SALONE AUTO TORINO Ende September 2025. Tag 1 stand ganz im Zeichen der Eröffnung des Events. An Tag 2 nahmen Supercars den Piazza Vittorio in Beschlag. Und an Tag 3 fand in einem schmucken, abgelegenen Dorf hoch über Turin ein Concorso d’Eleganza statt. streetwheelz1 hat interessante Einsichten gewonnen und teilt die Eindrücke hier.

Obwohl Turin von den ganz grossen Unwettern, die sich in Norditalien zutrugen, verschont blieb, sorgten die Regengüsse am ersten Tag für eine merkliche Abkühlung der Temperaturen, nicht aber der Begeisterung für Autos. Der Salon eröffnete und die Menschenmengen kamen.

Rund 50 Automarken mit etwa 100 Modellen verteilten sich auf den Piazza Castello und die umliegenden Areale. Einige standen auch für Testfahrten bereit (z.B. Tesla, Hyundai, Byd, Kia). Zudem gab es mehrere Marken-Premieren für Italien: BMW präsentierte sein neues SUV-Modell iX3 erstmals in Italien. Auch EMC Auto, Hyundai, Ioniq9 und der Sitzhersteller Recaro, welcher unter anderem eine Kooperation mit Polestar eingegangen ist, zeigten ihre Produktneuheiten.

Dieses Jahr hat zudem der chinesische Autokonzern Chery die neue Marke «Lepas» geschaffen. Diese hat, als Europapremiere, erstmals den Lepas L8 vorgestellt, einen Super-Hybrid-SUV, welcher mit nur einer Akku-Ladung rund 1300 Kilometer zurücklegen kann. Am Folgetag schickte die Firma zudem einen kleinen, hundeähnlichen Roboter auf den Platz und liess ihn mit der Menge interagieren. Er verblüffte mit einem Salto aus dem Stand und gab Pfötchen. Einzig einem echten kleinen Hündchen, welchem er sich näherte, war das Ganze nicht geheuer.

Ein ausgesprochener Zuschauermagnet waren natürlich die Supercar-Marken. Beim begehbaren Ferraristand bildete sich sofort eine lange Schlange. Geradezu brav wirkten der Roma, der 365 GTB/4 Daytona und der durchaus rassige SF90 Stradale neben den beiden Rennmaschinen, deren aggresives Design positiv hervorstach: Der 296 Challenge ist der neueste Rennwagen für Kundensport (Erster Challenge-Ferrari mit V6-Motor in der Geschichte) und der 499P ist ein Hypercar-Rennprototyp (Sieg bei den 24 Stunden von Le Mans 2023). Natürlich war auch Lamborghini vor Ort und präsentierten je einen Urus, Temerario und Revuelto, welcher mit Sound und geöffneten Schmetterlingstüren begeisterte.

Lotus stellte Gegenwart und Zukunft einander gegenüber. Während der Emira der letzte rein benzinbetriebene Sportwagen von Lotus ist, steht der vollelektrische Evija für eine neue Ära. Mit seinen 2000 PS ist er einer der stärksten Serienwagen der Welt und streng auf 130 Exemplare limitiert mit einem Wert von rund 2 Millionen €. Auch Maserati demonstrierte mit den beiden ausgestellten Modellen (MC20 und MC20 Cielo) das Comitment für Supersportwagen, nachdem von 2004 bis 2020 der Fokus auf Limousinen und Gran-Tourern gelegen hatte.

Als Puristen unter den Supercars kann man den Stradale von Dallara (handgefertigt, 400 PS, ca 900 kg) bezeichnen. Der handgefertigte Strassen-Sportwagen verzichtet ganz auf Schnickschnack, ist hocheffizient: Das Verhältnis von Leistung zu Gewicht beträgt ungefähr 2.1 kg pro PS, was einem Bugatti Chiron entspricht. Ein Rennwagen, der auf die Strasse darf.
Die Ausstellung der Classic Cars war sehr tiefgründig. Oberflächlich gesehen, wurden einfach sehr attraktive Youngtimer und Oldtimer präsentiert, doch dies war nicht alles. Klassiker mit grossen Namen wie Ferrari, Lamborghini oder Alfa Romeo. Beim Weg zu den Giardini Reale kam man durch den offenen Innenhof des Palazzo Reale. Dort waren mehrere Modelle mit dem Design von Pinifarina ausgestellt: Cisitalia 202 (1947–1952), Ferrari 308 GTB (1975–1985), Alfa Romeo 2uettottanta (2010) sowie Pininfarina Sergio (2013-2015). Draussen, in den Giardini Reali, waren viele weitere Classic Cars ausgestellt, darunter auch ein DeLorean und ein Bugatti 18/3 Chiron (1999).

Die im Park aufgereihten Chevrolet Corvette Nivola (1990), Lamborghini Genesis (1988) und auch Citroen Camargue (1972) sind einfach verflixt ästhetisch. Ihre Proportionen sind nahe am Goldenen Schnitt (1:1,6 bis 1:1,7), ihre Linien sind ausgewogen und klar. Es ist schwer, sich an ihnen sattzusehen. Die anderen Bertone- Designstücke (Bertone Blitz, Saab Novanta, Autobianchi A112 Runabout, Porsche Karisma, Opel Slalom) fallen dafür durch ihre Radikalität auf und schaffen Widersprüche: Zwar sind sie sehr rundlich gebaut, aber ihr Design wirkt sperrig, weniger gefällig. Dennoch waren sie zu ihrer Zeit technologisch führend. Der Bertone Blitz (1992) war einer der ersten vollelektronischen Sportwagen. Der Saab Novanta (2002) wurde schon damals mit Vorläufern moderner Touchscreens und digitaler Fahrassistenz ausgestattet.
Bei einer Präsentation durch die Vereinigung ASI (Automobili Storici Italia) unterhielten sich ehemalige Bertone-Mitarbeiter über das Wesen des Autodesigns und der Rolle von Bertone. Eine Analogie, hier sinngemäss wiedergegeben, war besonders eingängig: Wenn grossartige Musiker in einer Gruppe agieren, mag ihr Spiel desorganisiert sein. Doch mit dem richtigen Dirigenten, in diesem Falle Bertone, wird Grosses zustande gebracht.

Das, was die Klassiker-Ausstellung so tiefgründig macht, ist die Bedeutung der Designkunst. Turin, das ist die Stadt des Autodesigns. Hier sind die drei grossen Namen ansässig: Bertone, Pininfarina und Italdesign. Diese Firmen haben Autogeschichte geschrieben durch eine Symbiose zwischen hochkarätigen Autobauern und begabten Designern, welche den Fahrzeugen das gewisse Etwas verliehen haben, das über die Automarken hinausgeht.
Am zweiten Tag war eines der Highlights die Supercar-Parade. Dieses Jahr fand sie leider nicht direkt auf dem Piazza Castello statt, sondern endete auf dem Piazza Vittorio Veneto. Das Interesse der Schaulustigen war dennoch gross. Diverse Modelle von Maserati, Lamborghini und Porsche waren bis zur Dämmerung vor Ort. Besonderes Modell: ein weisser Mercedes-Benz SLR McLaren Roadster (2007 – 2009, 1/520, ca. 450'000 bis 600'000 Euro).

Der dritte Tag stand ganz im Zeichen eines Schönheitswettbewerbs. Revigliasco ist nicht Como. Und doch findet dort jährlich – im Rahmen des Turiner Autosalons – ein Concorso d’Eleganza statt, der die Kameras der Autoliebhaber mindestens genauso heisslaufen lässt wie am Comersee.

Hübsch ist die Ortschaft definitiv. Zwar gibt es in Revigliasco keinen See-Anschluss, sondern dafür den Blick auf das Tal und die flankierenden Berge und Hügel. Und auch darf man das Dorf mit gutem Gewissen als abgelegen bezeichnen. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln wäre die Hinreise nicht gerade unmöglich gewesen, aber sagen wir: abenteuerlich. Selbst per Auto ist es eine rund 30minütige Fahrt von der Turiner Innenstadt hoch auf die Serpentinenstrassen, durch tiefe Wälder und kleine Weiler, bis schliesslich das Ortsschild auftaucht. Doch dann, beim Blick auf den Dorfplatz, weiss man, warum man sich abgemüht hat, hierhin zu gelangen. Ein ungefähr 3 Mio. teurer Ferrari Mythos by Pininfarina (1/2) steht dort, buchstäblich zum Greifen nah. Daneben ein Pagani «Aliesa» (1/1), der ein Designkonzept der Schule IED (Istituto Europeo di Design) ist. Doch an diesem Tag würde es nicht bei diesen zwei hochkarätigen Automodellen bleiben.

Gegen 11 Uhr trafen die weiteren Wettbewerbsteilnehmer ein, unter anderem ein Ferrari Monza SP2, ein Ferrari F40, ein Lamborghini Diabolo und ein Cisitalia 202 MM Spider. Nach der Parade verteilen sich die Autos quer durch die ganze Ortschaft. Vom Piazza Amerigo Sagna wurde die via Beria auf ganzer Länge bis zum Piazza Beria von den Autos in Beschlag genommen. Gerade auch die Kombination mit den pittoresken Gassen und Häusern, oft mit Blumen dekoriert, war extrem fotogen. Umrahmt wurde der Event von kulinarischen Angeboten und italienischem Charme. Dazu gehörte auch das Blasorchester «Filarmonica Moncalieri». Dieser Event scheint derzeit wahrlich noch ein regionaler Geheimtipp zu sein. Gewonnen hat übrigens ein Ferrari F40, obwohl im Grunde jedes Auto dort ein Gewinner war.

Revigliasco zeigt gut auf, wie sich in Italien fast schon beiläufig grosse Schönheit präsentiert. Vom kleinen Dorf im Piemont bis zum nicht ganz so feinen Bahnhofsviertel in Turin: Es ist da diese ganz eigene Ästhetik, die in ihrer Gesamtheit zufällig wirkt, aber des Resultat ist von einem feinen Sinn für Details, schlicht und mosaikartig verbunden, ohne Absicht. Wenn schon zufällige Schönheit in Italien so schön ist, kann man sich ausmalen, auf welchem Level bewusst hergestellte Ästhetik sich bewegt, wenn sie in den Bau von Autos fliesst.
Die Turiner Autoshow hat zweifellos bei jedem Autoliebhaber schöne Erinnerungen hinterlassen. / Geschrieben von cr
Über die Turiner Autoshow:
Über den Autosalon Turin:
An drei Tagen werden jeweils in Form einer kostenlosen Freilicht-Ausstellung auf dem Piazza Castello, Piazza San Carlo, Piazza Vittorio Veneto, den Giardini Reali sowie weiteren Orten der Innenstadt aktuelle Automodelle präsentiert, darunter auch Marken-Premieren.
Die nächste Ausgabe findet im September 2026 statt.
Weitere Informationen: https://www.saloneautotorino.com/en







