Die Sonderausstellung «Zürcher Automobile» ist eine einmalige Gelegenheit für Autoliebhaber.

Seit dem 1. November 2025 hat die temporäre Sonderausstellung «Zürcher Automobile» ihre Tore geöffnet. Sie befindet sich auf einem ehemaligen Industrierquartier in Zürich Seebach und zeigt lokale und äusserst seltene Automarken, welche sonst nur ganz eingefleischten Oldtimer-Fans ein Begriff sind. Diese wurden sowohl vom Verkehrshaus Luzern als auch von privaten Sammlern zur Verfügung gestellt. Eine einmalige Gelegenheit für Autoliebhaber, eine solch rare und wertvolle Sammlung an einem zudem historisch bedeutsamen Ort zu bewundern. streetwheelz1 liefert Hintergrundinfos.

In Zürich produzierte Autos: Minelli und LeBlanc (Foto: streetwheelz1)

Die reiche Geschichte das Standortes der kostenlosen Sonderausstellung «Zürcher Automobile» könnte allein bereits Bände füllen und der majestätische Mammutbaum, welcher vor der Halle steht, ist seit über 100 Jahren eine Konstante in einer sich schnell verändernden Umgebung.

Der majestätische Mammutbaum vor der Halle ist seit über 100 Jahren ein fester Bestandteil des Gauss-Stierli-Areals (Foto: streetwheelz1).

Als das Gauss-Stierli-Areal 1899 entwickelt wurde, war Zürich eine ganz andere Welt als heute. Elektrisches Licht gab es erst seit wenigen Jahren. Durch die Strassen fuhren noch vorwiegend Velos, Pferdefuhrwerke und zudem die ganz neu eingeführten Elektro-Trams. Langsam etablierte sich zudem für die städtische Bevölkerung der Komfort in Form von fliessendem Wasser und einer Kanalisation, doch Kühlschränke, Supermärkte oder Radiosender existierten noch nicht. Selbst der Eiffelturm in Paris war erst vor 10 Jahren gebaut worden.

Bildnachweis: Mit freundlicher Genehmigung von Swiss Classic World

In dieser Zeit nahm die Industrialisierung in Zürich Fahrt auf und auf dem dreieckigen Areal, welches knapp der Grösse von zwei Fussballfeldern entspricht, wurden riesige Hallen hochgezogen. Darin stellten verschiedene Firmen im Laufe der Jahre unter anderem Gusswaren her, Aufzüge, Räder, Maschinenbaukomponenten, Waffen und ab 1918 dann die legendären «Seebacher»-Automobile in kleiner Auflage (ca. 80-100 Stk.). Doch auch diese Ära ging bald einmal zu Ende und leider scheint kein einziges SEMAG-Fahrzeug mehr erhalten zu sein.

Bildnachweis: Mit freundlicher Genehmigung von Swiss Classic World

Auch in anderen Ecken der Stadt und des Kantons entstanden Autofirmen mit zuweilen exotisch klingenden Namen wie u.a. Orion (1900-1910), Excelsior (1904-1907), Vulcan (ab 1905), Ajax (1906-1910), Helios (1906-1910) und Safir (1907-1909). Die Ausstellung präsentiert Informationen zu insgesamt 39 Autofirmen, wobei gewisse Daten nicht vollständig seien, wie Co-Organisator Daniel Geissmann bei der Medienpräsentation betonte Beispielsweise die Geschichte der Firma Buser, welche im Jahr 1911 Kleinfahrzeuge produziert hat, liegt weitestgehend im Dunkeln. Daher sei jeder, der mehr über eines der Themen wisse, eingeladen, sich zu melden.

Bildnachweis: Mit freundlicher Genehmigung von Swiss Classic World

In 100 Jahren kann viel passieren. Der technische Fortschritt ist bekanntlich disruptiv. Firmen und Objekte verschwinden und nicht immer ist jemand geistesgegenwärtig genug, um die Daten für die Nachwelt zu erhalten. So verhält es sich auch mit technischen Geräten. Erst nützlich, dann Staubfänger. Vermutlich ärgert sich manch ein «Early Adapter» nachträglich, sein iPhone der ersten Generation (2007) oder seinen Nintendo Game Boy (1989) vorschnell aus der Hand gegeben zu haben. Nun stelle man sich dies für heute unbezahlbare Oldtimer vor. Überraschende Garagenfunde werden seltener.

Wenn auch die meisten der damaligen Zürcher Autobauer verschwunden sind, haben doch einige ihrer Modelle der Zeit getrotzt. Ebenso bleiben die Macher-Persönlichkeiten aus der Vergangenheit als Innovatoren in Erinnerung. So würdigt die Ausstellung nicht nur die Geschichte des Areals und der Zürcher Automobile , sondern widmet sich auch einem Porträt von Rudolf Egg. Der damals erst 27jährige Ingenieur konstruierte ab 1883 einen Motorwagen für seinen eigenen Bedarf und gründete später eine Motorwagenfabrik.

WEBER-Auto (1899-1906) (Foto: streetwheelz1)

Der Pioniergeist der Zürcher Autobauer vermischt sich perfekt mit dem Mindset des unkonventionellen Immobilienunternehmers Werner Hofmann, welcher das Areal in diesem Herbst gekauft und die Ausstellung initiiert hat. Er selbst hat, wie er bei seiner Medienrede erzählte, einen ganz persönlichen Bezug zu diesem Ort und zur Firma Gauss. Als Werner Hofmann sich als junger Mann selbständig machen wollte mit seiner Sanitärfirma, erfuhr er vom Unternehmer Kurt Gauss genau die Grosszügigkeit und Offenheit, die er in der entscheidenden Phase seiner Geschäftsgründung benötigte. Eine Geste, die er auch Jahrzehnte später nicht vergessen hat.

Doch trotz aller Nostalgie und Verbundenheit kauft man natürlich nicht einfach so ein solch wertvolles Areal. Werner Hofmann ist ein Mann mit Visionen und er möchte das Gauss-Stierli-Areal bewahren und sinnvoll nutzen. So kam er auf die Idee, sich auf die Geschichte der Industriehallen zu beziehen und ihre Rolle als Entstehungsstätte lokaler Autos. Innert kürzester Zeit gelang es ihm, zusammen den Co-Organisatoren Daniel Geissmann (Swiss Historic Vehicle Federation) und Bernd Link (Swiss Classic World Luzern), die Daten der Zürcher Autobauer und ihrer Fahrzeuge zu kuratieren. Ebenso sind über ein Dutzend der äusserst raren Automobile live vor Ort. Längst nicht alle davon waren bisher einem breiten Publikum zugänglich. Während einige Modelle im Verkehrshaus Luzern bereits ausgestellt waren, wurden andere bisher in privaten Räumlichkeiten gelagert und sind nun erstmals öffentlich ausgestellt. Es ist also eine wirklich einmalige Gelegenheit, diese Autos direkt vor sich zu haben.

Egg & Egli Motorwagen (Foto: streetwheelz1)

Neben den historischen Fahrzeugen sind auch Youngtimer und Exponate der Gegenwart ausgestellt. So sind mehrere Exemplare der pfiffigen Microlino-Autos (seit 2022) aufgereiht. Auch eines von 16 je gebauten Stück der Marke Minelli (1998-2001) ist zu bewundern. Freunde des Rennsports finden einen Leblanc Mirabau (1999-2011) sowie einen Rennwagen von Sauber (1969-2025) vor.

Sauber-Rennwagen (Foto: streetwheelz1)

Die Gebäude auf dem Gauss-Stierli-Areal sind innen und aussen mit Graffiti-Tags übersät und manche Innenräume verströmen beinahe ein Lost-Place-Ambiente, was den Ort nur noch interessanter macht. Ein Graffiti auf der Hausfassade bringt es auf den Punkt: «Times Goes by». Die Zeit vergeht, aber manchmal gelingt es einigen Wagemutigen, Wertvolles zu bewahren. // Geschrieben von CR

Video: Ein Blick in die Ausstellung

Ausstellungsinformationen

Der Eintritt ist frei. Eine freiwillige Spende unterstützt die Kampagne „young4vintage“ des Schweizerischen Oldtimer-Verbandes (SHVF). Offizielle Website der Ausstellung: https://www.gauss-stierli.ch/zurcher-automobile-galerie

Die Ausstellung präsentiert außerdem mehrere Werke des Künstlers Ueli Knecht, der unter dem Titel „Arbeiter“ massive Metallskulpturen schuf. Weitere Informationen: https://www.gauss-stierli.ch/ueli-knecht

Wer Ideen für die zukünftige Nutzung des Geländes von Gauss-Stierli hat, kann diese im Rahmen eines offenen Wettbewerbs einreichen: https://www.gauss-stierli.ch/ideen-wettbewerb

Ausstellungsdaten:
1. November 2025 – Samstag, 12:00–18:00 Uhr
2. November 2025 – Sonntag, 12:00–17:00 Uhr
7. November 2025 – Freitag, 12:00–18:00 Uhr
8. November 2025 – Samstag, 12:00–18:00 Uhr
9. November 2025 – Sonntag, 12:00–17:00 Uhr
14. November 2025 – Freitag, 12:00–18:00 Uhr
15. November 2025 – Samstag, 12:00–18:00 Uhr
16. November 2025 – Sonntag, 12:00–17:00 Uhr